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Über Max
Das bin ich
Geboren wurde ich am 25. Juli 1994 in Berlin-Wilmersdorf. Es war damals
sehr heiß in der großen Stadt. Meine Eltern, Anke und
Rüdiger, wohnten zusammen mit meinem knapp 2 ½ Jahre
älteren Bruder Julian in einem großen Haus aus der
Gründerzeit, mitten in Berlin-Moabit. Dort gab es viele Kinder und
einen wunderschönen Innenhof, in dem man spielen, toben und lachen
konnte. Ich war im Kinderwagen immer dabei, wenn Mama oder Papa abends,
manchmal bis tief in die Nacht, mit Freunden und Nachbarn
zusammensaßen und über Gott und die Welt quatschten.
Dann wurde es langsam kalt und die Tage kürzer. Im Dezember 1994
kam der erste Schnee in die Stadt. Ich wurde krank, hatte die Masern,
nur ein bisschen, eigentlich gar nicht schlimm. Mir ging es bald wieder
besser und als Mama im Januar ihren 30. Geburtstag feierte, war ich
wieder ganz fit.
Ich hatte immer viel Unsinn im Kopf, Energie ohne Ende und eines konnte
ich besonders gut: Schreien, manchmal über Stunden hinweg.
Im April 1995 flogen Mama, Papa und Julian mit mir in das warme Florida
in den Urlaub. Dort war es so schön, ich musste plötzlich gar
nicht mehr schreien und lernte innerhalb weniger Tage das Stehen. Als
wir wieder zurück in Berlin waren, kam ein neuer, toller Sommer.
Ich lernte schnell laufen und sprechen und rannte mit meinem
großen Bruder um die Wette. Julian kam dann im Herbst 1995 in den
Kinderladen. So nannte man damals die privat organisierten
Kindergärten in Berlin, bei denen die Eltern viel mitmachten. Eine
tolle Sache, denn es gab damals viel zu wenige öffentliche
Kindergartenplätze.
Der Winter 1995/1996 war streng. Es war eiskalt in unserer Stadt und
die Luft war so schlecht. Manchmal konnte man kaum die andere Seite des
Hauses sehen, so dick und neblig war die Luft. Julian brachte vom
Kinderladen einen Schnupfen nach dem anderen nach Hause, und steckte
mich immer wieder an. Mama konnte deshalb mit mir nicht zum Impfen,
obwohl es eigentlich längst an der Zeit war.
Prompt wurde ich im Januar 1996 dann auch richtig heftig krank. Es
waren wieder die Masern, aber viel, viel schlimmer als das letzte Mal.
Ich hatte über 40°C Fieber und fühlte mich sooo schlecht.
Der Doktor sagte, dass es sehr kritisch sei. Mama und Papa hatten
Angst, dass ich sterben müsste. Die Masern müssen sehr
ansteckend gewesen sein, denn Julian ist nur ein paar Tage später
auch an Masern erkrankt. Aber, wie so oft, drehte ich allen eine Nase
und wurde wieder gesund.
Im Frühjahr 1996 sind wir dann umgezogen nach Hechingen in
Baden-Württemberg. Dort war es so schön: wir hatten die Burg
Hohenzollern direkt vor uns, ein schönes neues Haus und ganz tolle
Nachbarn, Susi und Walter. Die haben sogar ein Lied für mich
gemacht: "Der wilde, wilde Maxi, der wohnt gleich nebenan..."
Leider mussten wir bald schon wieder umziehen, da mein Papa ab
Frühjahr 1997 in München arbeitete. Wir gingen nach
Wartenberg in Oberbayern. Ich kam im Herbst 1997 in den Kindergarten
dort. Ein ganz toller war das, mit viel Holz und Platz zum Spielen ohne
Ende. Ich konnte unterdessen alles, was ein gestandener
Dreijähriger so können muss: Fahrradfahren,
Schlittschuhlaufen, Rennen, Klettern, Springen. Ganz toll fand ich es,
auf der Bühne zu stehen und was vorzuführen. Vor allem dann,
wenn alle klatschten.
Mitte 1999 zogen wir wieder um, diesmal aber für länger. Es
ging nach Sachsenheim, in der Nähe von Ludwigsburg. Wir hatten
dort ein ganz großes Haus in einer Siedlung mit vielen anderen
Kindern. Zuerst kam ich ja noch in den Kindergarten "Regenbogen" in der
Goethestraße, nur ein paar Meter von zuhause. Aber im September
2000 war es dann soweit: ich durfte endlich in die Schule. Bald kannte
ich ganz viele Kinder, und wenn ich nach der Schule nach Hause kam, war
immer meine erste Frage: "Mama, darf ich heute 'was ausmachen?"
Aber das Beste an Sachsenheim war das Freibad. Im Sommer konnte ich den
ganzen Tag dort zubringen. Auch die Kindertage im Juli waren cool: von
morgens bis abends unterwegs sein und dann abends noch mal ins
Schwimmbad. Ganz lässig war da der Rückwärts-Salto vom
Dreier, den ich immer wieder geübt hatte.
Im Winter sind Julian und ich mit Papa öfters in den Schwarzwald
zum Skifahren. Es lag ja alles so nah und in Bietigheim, gleich ums
Eck, da gab es eine Eishalle. Julian konnte schon echt gut Eis laufen
und ich wollte das auch.
Wir hatten auch 2 Katzen, Leo und Lilli. Auf der großen Wiese vor
unserem Haus spielte Leo immer mit uns. Und wenn ich mal traurig war,
oder es mir nicht so gut ging, hat sich Leo immer zu mir gelegt.
Tierarzt wollte ich später mal werden, das stand für mich
fest.
Irgendwann fragte uns die Claudia von Uli's Iglu in der Eishalle, ob
wir denn nicht Lust hätten, Eishockey zu spielen, da wir doch ganz
gut laufen würden. Julian und ich fanden das echt cool und auch
Mama war sofort Feuer und Flamme. Auch wenn Papa zuerst etwas Bedenken
hatte, da die Ausrüstung doch sehr teuer war, fingen wir beide im
Winter 2003/4 als Jugendspieler bei den "Steelers" an.
Manchmal war es schon anstrengend, vor allem am Wochenende, wenn wir
früh rausmussten, um irgendwo morgens zu einem Turnier anzutreten.
Aber es hat so Spaß gemacht. Und dann waren da die "Steelers",
die einem vormachten, wie das ist, wenn man dann richtig gut ist. Mein
Favorit war ganz klar Alexandre Jacques, der neue Stürmer der
Steelers. Wann immer möglich, war ich bei den Heimspielen in der
Halle dabei, denn die Steelers brauchten doch meine volle
Unterstützung, oder? Besser als bei Mama und Papa zu stehen, war
natürlich die Fan-Ecke. Da ging so richtig die Post ab. Und wenn
ich mal nicht dabei sein konnte (weil das Spiel abends so spät
losging), dann schickte mir Mama immer per SMS übers Handy den
Spielstand.
Im November 2004 passierte dann etwas komisches: Plötzlich wusste
ich nicht mehr, was gerade passiert war. Papa und Julian waren ziemlich
aufgeregt und erzählten irgendetwas davon, dass ich Unsinn
erzählt und plötzlich aufgehört hätte, zu sprechen.
Ich hatte keine Ahnung, was die damit meinten. Aber es passierte immer
öfter und meine Eltern gingen mit mir nach Ludwigsburg in die
Klinik. Dort wurde ich untersucht, in eine Röhre gesteckt, am Kopf
verkabelt, und vieles andere mehr. Man sagte mir dann, ich hätte
Epilepsie. Eine Sache, die immer mal bei Kindern in meinem Alter
vorkommt und die sich wahrscheinlich wieder verliert.
Aber die "Not-Aus", wie ich es bald nannte, wurden nicht besser,
sondern kamen immer häufiger. Immer wieder bin ich umgefallen,
wusste nicht, was passiert war und sah nur, wie Mama und Papa ganz
aufgeregt waren. Ich bekam Angst und Wut zugleich, weil ich nicht
wusste, was mit mir geschieht und meine Eltern es mir auch nicht
richtig erklären konnten. Im Mai 2005, während der
Pfingstferien, bin ich dann mit Mama und Papa in das Epilepsiezentrum
nach Kehl-Kork gegangen. Dort sollten sie mir helfen können, dass
ich in der Schule wieder besser aufpassen kann, und die "Not-Aus"
verschwinden. Aber ich war nur einige Tage dort, bis sie mich nach
Heidelberg in das Uni-Klinikum brachten. Dort musste ich dann für
2 Wochen bleiben. Oma und Opa kamen zu Besuch und Mama und Papa
schauten immer so traurig. Ich ahnte, dass etwas gar nicht stimmte.
Als ich wieder nach Hause kam, erklärte mir Papa, dass ich jetzt
ganz feste kämpfen müsste, da in meinem Kopf etwas sei, was
wir alle gemeinsam verjagen müssten.
Manche Kinder wurden echt komisch, zu meinem 11. Geburtstag wollten
sogar einige nicht mehr kommen. Warum haben sie mir aber nicht gesagt.
Leif hat immer zu mir gehalten, ebenso wie Sophie und Salka, die ich
immer so lieb hatte, und Julian natürlich. Eva, unsere liebe
Nachbarin, hat oft mit mir gespielt und mir mein Lieblingsessen
gekocht. Ach ja, und dann war da noch Frau Baur, meine ehemalige
Lehrerin. Sie wollte immer wissen, ob es mir besser geht und auch meine
Eltern haben oft mit ihr gesprochen.
Irgendwie war's dann aber auch im Schwimmbad komisch, keiner wollte
mehr etwas mit mir machen. Dabei konnte ich den
Rückwärts-Salto vom 3er doch immer noch ganz gut... Schreiben
dagegen ging irgendwie nicht mehr so gut und Rechnen auch nicht. Aber
Uno spielen und Schach. Da war ich der König. Am 4. September 2005
machte ich sogar den 4. Platz in einem Schachturnier mit über 30
Kindern.
Mitte September ging die Schule wieder los, ich startete noch mal mit
der 5.Klasse. Aber ich konnte mir irgendwie die Hausaufgaben nie
merken, in der Schule ging alles so schnell und außerdem war ich
immer so müde. Irgendwann fingen Mama und Papa an, davon zu
sprechen, ob ich vielleicht auf eine andere Schule gehen sollte. Eine,
wo ich weniger Stress hätte.
Aber zuvor, in den Herbstferien 2005, sind wir noch mal in unser
geliebtes Florida gefahren. An den weißen Strand, in das tolle
Haus mit Pool, in die Sonne. Es war schön, aber irgendwie ganz
anders als die Jahre zuvor. Ich habe Dinge gesehen, von denen Papa
sagte, es gäbe sie gar nicht. Und dann war ich einfach wieder so
müde. Ich habe auch manchmal, immer öfter, was vergessen...
Im November waren wir dann wieder zuhause. Ich ging jetzt auf eine
andere Schule, in Markgröningen. Die Kinder waren ganz anders da,
aber ganz lieb. Und sie haben sich auch immer gefreut, wenn ich morgens
gekommen bin. Aber ich bin immer wieder hingefallen. Es hat so
wehgetan. Mama meinte dann, ich sollte doch meinen coolen
"Steelers"-Helm aufsetzen, dann passiert nichts mehr.
Weihnachten 2005 sind wir dann zu Freunden nach Dänemark gefahren.
Zu Didi und Anne, die ich schon seit immer kenne. Freunde fürs
Leben, wie Mama und Papa sagen. Silvester 2005/06 bin ich bis nach
Mitternacht aufgeblieben, habe selber Böller angezündet. Aber
meine Mütze war plötzlich weg, und ich wusste nicht mehr, wo
ich sie gelassen hatte...
Anfang 2006 erzählten Mama und Papa immer wieder von Samuel,
diesem Buben in Wien. Er sollte die gleiche komische Krankheit haben
wie ich. Aber ihm ging es wieder ganz gut! Papa wollte mit mir dahin
fahren, den Sami und seine Familie besuchen. Das haben wir dann auch
gemacht. Obwohl ich immer so müde war. Wir waren ein paar Mal in
Österreich. Weil da auch eine Ärztin war, die offenbar dem
Sami hatte helfen können.
Anfang März 2006 war dann meine ganze Familie krank. Wir hatten
alle so arge Halsschmerzen und der Doktor sagte etwas von
Streptokokken. Ich hatte auch Fieber und mir ging es gar nicht gut.
Laufen wurde auf einmal so schwierig und ich habe gar nicht mehr
verstanden, was alle von mir wollten.
Irgendwie wurde dann alles ganz neblig und ich konnte mich an nichts
mehr erinnern...
Seit April 2006 liegt Maxi, nach einem akuten Enzephalitis-Schub,
ausgelöst durch die SSPE-Grunderkrankung, gepaart mit einer
schweren Streptokokken-Infektion, in einer Art Wachkoma, auch Stupor
genannt. Er kann weder laufen noch sitzen oder sprechen. Innerhalb
weniger Tage hat die Krankheit ihm alles genommen, was er sich in
seinen 11 Lebensjahren angeeignet hatte. Die Ärzte geben ihm keine
Chance mehr. Aber wir, seine Familie, die ihn liebt, geben die Hoffnung
nicht auf. Denn Wunder soll es immer wieder geben, und außerdem
... wer weiß schon, was kommt?